Über die Sammlung - About the collection

 Julie Hayward, phobic
Julie Hayward, phobic

Kunst verbindet Blinde und Sehende

Im Jahre 2002 wurde im Stift Admont der Grundstein für eine weltweit einzigartige Sammlung gelegt. Dabei handelt es sich um spezifisch für blinde Menschen konzipierte und von Sehenden andersARTig wahrnehmbare Kunstwerke. 2012 – zehn Jahre danach – findet im Museum des Stiftes Admont erstmals die Werkschau dieser außergewöhnlichen Sammlung von Kunstwerken JENSEIT S DES SEHENS statt. Die darin vertretenen 25 Werke geben einen Rückblick auf eine 10-jährige Zusammenarbeit mit zeitgenössischen KünstlerInnen. Gleichzeitig bilden sie die Basis für einen Blick in die Zukunft. Der vorliegende Katalog fasst die 10 Jahre JENSEIT S DES SEHENS- Sammlungstätigkeit zusammen. Allen JENSEIT S DES SEHENS-Kunstwerken gemeinsam ist, dass ihre Wahrnehmung über die Augen nicht im Vordergrund steht. Sie alle können von blinden Menschen und von Sehenden mit verbundenen Augen unterschiedlich erlebt werden. Mit wenigen Ausnahmen werden alle JENSEITS DES SEHENS-Kunstwerke im Auftrag des Stiftes Admont im Rahmen des MADE FOR ADMONT-Programmes spezifisch für blinde und sehende Menschen entwickelt. Der Anspruch der JENSEITS DES SEHENS-Sammlung geht in seiner Annäherung an das Thema über zahlreiche bisherige Ansätze in der Kunst- und Museumsgeschichte hinaus. Sie beschränkt sich nicht darauf, blinden Menschen bestehende Kunstwerke erfahrbar zu machen. Weder das Haptische, die Kunst von blinden Menschen noch das Nicht-Sehen von Kunst stehen im Vordergrund. Die Künstlerinnen und Künstler sind angehalten, sich mit der Welt der blinden Menschen auseinander zu setzen, medizinische, philosophische, sozial- und kunsthistorische Faktoren als auch die Zugänglichmachung dieser Werke für Sehende zu berücksichtigen. Dieser Prozess kann im einen oder anderen Fall wesentlichen Einfluss auf das kreative Denken und letztlich auf die weitere Werkentwicklung der jeweiligen Kunstschaffenden nehmen. Die JENSEITS DES SEHENS-Kunstwerke haben immer eine Form – sind mehr oder weniger künstlerisch gestaltet, ihrem Zweck entsprechend „designt“. Somit sind diese Objekte, Bilder, Installationen, multimedialen Werke auch sichtbar. Sie haben ihre eigene, oft verblüffende Ästhetik. Sie werden von sehenden, sehbeeinträchtigten, blinden und blindgeborenen Menschen völlig unterschiedlich wahrgenommen. Für gewöhnlich gilt bei Kunstwerken strikt: Nicht berühren! Bei diesen Kunstwerken ist das anders. Sie können – meist interaktiv – mit mehreren Sinnen erlebt werden. Sie lassen sich ertasten, hören, riechen . . . Diese Werke aktueller Kunst werden mit dem Kopf begreifbar: Im einen Fall in ihrer Komplexität, im anderen in ihrer Einfachheit. Für blinde Menschen ergeben sich barrierefreie Zugänge zur Gegenwartskunst. Sehende wiederum erleben Kunst einmal ganz anders, ganz neu. Über diese Kunstwerke können spielerische Zugänge zu den wesentlichen Fragen des Lebens gefunden werden. Sehende können sich ein „Bild“ davon machen, wie die Welt der blinden Menschen „aussieht“. Auf besonderen Wunsch besteht bei einigen dieser Kunstwerke die Möglichkeit, dass blinde Menschen ihre Wahrnehmungsweisen an Sehende vermitteln. Der „Unsichtbare Garten“ im Stiftsareal etwa ist kein Garten für blinde Menschen, sondern vielmehr einer, in welchem Menschen mit Blindheit mehr „sehen“ als „Sehende“. Indem Sehenden die Augen verbunden werden und diese auch von sehbehinderten oder blinden Menschen durch den besonderen riech-, tast- und hörbaren Garten geführt werden, kann es zu einem außergewöhnlich bereichernden Erfahrungsaustausch zwischen unterschiedlichen Wahrnehmungs-Stilen und Wahrnehmungs-Welten kommen. Diese spezifisch für blinde und sehende Menschen sowie für die Sammlung des Stiftes Admont entwickelten Kunstwerke ermöglichen auch betreffend Berührungsängsten und Vorurteilen „barrierefreie“ Zugänge zur Gegenwartskunst. Diese Kunst kann die Augen der Sehenden für Bereiche öffnen, denen gegenüber man für gewöhnlich blind ist.

 

Wie kam es zu dieser Sammlung?

Das Benediktinerstift Admont kann auf eine gewichtige Sammlungstradition im Bereich seiner Bibliothek, der Naturwissenschaft, der Angewandten und Bildenden Kunst zurückblicken. Im Zuge der Planung des 2003 eröffneten neuen Museums wurde erwogen, Teile der historischen Bibliothek und sämtlicher Museumsbereiche für blinde Menschen zugänglich zu machen. Aus Gründen der Machbarkeit wurde dieses Vorhaben mit hohem Qualitätsanspruch auf die aktuelle Kunst konzentriert. Seit 1997 sammelt das Stift österreichische Gegenwartskunst. Im Laufe dieser Sammlungstätigkeit fokussiert der kuratorische Schwerpunkt zunehmend in der künstlerischen Produktion der hauseigenen Reihe MADE FOR ADMONT. Eine Besonderheit dieser kontinuierlich weiterentwickelten Produktionsreihe sind die grundsätzlich für sehbehinderte und blinde Menschen konzipierten, multizugänglichen JENSEITS DES SEHENS-Kunstwerke. Die drei ersten für Sehende mehrsinnlich wahrnehmbaren multimedialen Skulpturen wurden im Jahre 2002 in Auftrag gegeben. Wie alle weiteren vereinen sie Kunst und Information. Gleichermaßen für Menschen mit Sehbeeinträchtigung, Blindheit sowie für Sehende erdacht, schaffen sie außerhalb der visuellen Erfahrungswelt liegende sinnliche Begreifbarkeits-Ebenen. Zwischen blinden und sehenden Menschen findet ein spannender und beiderseits grenzerweiternder Prozess des ART SHARINGs und des SPACE SHARINGs statt. Für diesen spezifischen Sammlungsteil entstehen im Rahmen des MADE FOR ADMONT -Programmes kontinuierlich neue Werke. Die Sammlung JENSEITS DES SEHENS ist eine „collection in progress“. Sie hat Laborcharakter.

 

Team:

Michael Braunsteiner, Kurator

P. Winfried Schwab OSB, Kulturbeauftragter des Stiftes Admont

Barbara Eisner-B., Wissenschaftliche Begleitung und Dokumentation

 

Download Sammlungskatalog, 2,12 MB

 

 

Art that brings together the blind and the sighted

It was in 2002 that a collection that would be unique worldwide was first initiated at Admont Abbey. This collection would consist of exhibits created specifically for the blind, which sighted persons would be able to explore through senses other than sight. Ten years later, in 2012, the first retrospective exhibition of this extraordinary collection of works is now being mounted under the title JENSEITS DES SEHENS – BEYOND seeing in the museum of Admont Abbey. The 25 works in this exhibition are the production of ten years’ close collaboration with contemporary artists. At the same time, these works indicate the future direction that the collection will be taking. This catalogue summarises the results of our first ten years of accumulation of BEYOND seeing artworks. One feature common to all the BEYOND Seeing works is that they have not principally been conceived to be appreciated visually. Every one of them can be differently interpreted by blind persons and by sighted individuals wearing blindfolds. With a few exceptions, all were commissioned by Admont Abbey as part of its MADE FOR ADMONT programme specifically for blind and sighted visitors. Because the BEYOND seeing artworks take this unique approach, they are unlike any other exhibits previously displayed in museums or art galleries. But their purpose is not only to make it possible for blind persons to explore artworks. Neither their haptic qualities, artworks by blind persons nor the concept of ‘non-seeing’ are at their core. The artists were instructed to reflect on the world of the blind, to consider medical, philosophical, social and art historical factors and also to make their works comprehensible for sighted persons. In certain cases, this process can influence the creative approach and even the future course that the artist decides to take. All the BEYOND seeing works have a particular ‘form’, have a more or less specific artistic objective and have been designed for their particular purpose. Hence, these objects, pictures, installations and multimedia creations are also visible. Each has its own individual and sometimes surprising aesthetic intent. They will be very differently perceived by partially sighted, blind, congenitally blind and sighted visitors. It is usually the case that visitors to museums and art galleries are subject to certain restraints, one common one being that they are forbidden to touch the exhibits. In the case of our artworks, it is quite the opposite! They are there to be explored – usually interactively – with more than just the eyes. They can be touched, listened to and even smelt. But first and foremost, these contemporary artworks should be explored with the mind’s eye in their complexity and also their simplicity. Blind visitors will find that they have ready access to these contemporary artworks. Sighted visitors, on the other hand, will find that they are able to explore art from quite different and new viewpoints. The exhibits themselves examine some of the fundamental questions of existence, albeit in light-hearted fashion. Sighted persons can gain an ‘impression’ of what the world of the blind ‘looks like’. We also made sure that certain of the artworks were designed in such a way that blind persons are encouraged to convey what they perceive to sighted persons. The ‘Invisible Garden’ in the Abbey grounds is not merely a garden for the blind, but is actually a space in which blind persons ‘see’ more than ‘sighted persons’. The eyes of sighted visitors entering the garden are bound and they are guided through the scents, sounds and textures of the garden by partially sighted and blind persons. This can result in an astonishingly complex and enriching exchange of views between people who exist in different worlds of experience and have different forms of expression. These artworks, commissioned especially for blind and sighted visitors and the collection of Admont Abbey, also bypass other prejudices that impede the appreciation of contemporary art – certain rules about how visitors should engage with the artworks. This exhibition can open the eyes of the sighted to areas to which they are normally blind.

 

How was the collection created?

The Benedictine Abbey of Admont can look back on a long tradition of collecting; there are the collection of books in its library and its natural history, applied art and fine art collections. During the planning phase for the new Museum that opened its doors in 2003, the idea of making parts of the historic library and all museum sections accessible for the blind was floated. However, in view of feasibility and quality considerations, it was decided to restrict this Project to the sector of contemporary art. The Abbey has been collecting contemporary Austrian works of art since 1997. Over time, the activity of the collection curators has been increasingly focused on commissioning artistic production for our own in-house art series, MADE FOR ADMONT. One special section of this continually growing collection is represented by the multi-accessible BEYOND seeing artworks that have been created specifically with partially sighted and blind persons in mind. The first three multimedia sculptures in this series, which sighted visitors can experience with more than just sight, were commissioned in 2002. Like all the other works, they combine art with information. Conceived to be appreciated by partially sighted, blind and sighted visitors alike, they generate sensory worlds of perception beyond that of the merely visual. They promote a process of art sharing and space sharing between the blind and the sighted that will open up new perspectives for both sides. New works are continually being commissioned for this section of the collection under the aegis of the MADE FOR ADMONT programme. The BEYOND seeing collection is itself a ‘work in progress’, a crucible of experimentation.

 

Team:

Michael Braunsteiner, Kurator

P. Winfried Schwab OSB, Kulturbeauftragter des Stiftes Admont

Barbara Eisner-B., Wissenschaftliche Begleitung und Dokumentation

 

Download Sammlungskatalog, 2,12 MB